Montag, Februar 9, 2026

Der Hygieia-Brunnen in Hamburg: Ein stummer Zeuge der Geschichte

Hamburg glänzt mit einer Fülle an architektonischen Meisterwerken, die Touristen aus aller Welt anziehen. Diese Bauten erzählen Geschichten aus der Vergangenheit, erinnern an Tragödien und Triumphe gleichermaßen.

Eines dieser herausragenden Bauwerke ist der Hygieia-Brunnen, der direkt im Herzen der Stadt, vor dem prächtigen Rathaus, thront. Er gilt als stummes Mahnmal einer dunklen Periode der Hamburger Geschichte. Er symbolisiert nicht nur künstlerisches Design, sondern ist eine ständige Erinnerung an die verheerende Cholera-Epidemie von 1892. Der Brunnen wurde im 19. Jahrhundert erbaut und der Göttin der Gesundheit, Hygieia, gewidmet, was den Sieg über die Krankheit versinnbildlichen sollte. Dieses scheinbar unscheinbare Objekt ist zu einem kulturellen Wahrzeichen geworden, das die Widerstandsfähigkeit der Hamburger Bürger dokumentiert. Mehr dazu lesen Sie bei hamburgfuture.

Wie der Brunnen entstand

Das architektonische Denkmal wurde 1896 nach den Plänen des Münchner Bildhauers Joseph von Kramer errichtet, dem Bruder des Architekten Theodor von Kramer. Ursprünglich war geplant, den Meeres- und Handelsgott Merkur darzustellen – eine Hommage, die gut zur Hafenstadt Hamburg gepasst hätte. Doch die tragischen Ereignisse von 1892 führten zu einem radikalen Sinneswandel: Das Bauwerk sollte der Gesundheit gewidmet werden.

Damals wurde die Stadt von einer sich rasch ausbreitenden Cholera-Epidemie heimgesucht. Da es kaum wirksame Medikamente gegen diese Krankheit gab, kostete sie Tausenden von Hamburgern das Leben. Besonders betroffen war das dicht besiedelte Gängeviertel mit seinen verwahrlosten Häusern und engen Gassen. Die Bürger entnahmen damals ihr Trinkwasser noch aus der verschmutzten Elbe. Die Bevölkerung lebte in Armut, es fehlte an sanitären Anlagen und Zugang zu sauberem Wasser. Die schlechten hygienischen Bedingungen in den überfüllten Gassen beschleunigten die Ausbreitung der Seuche.

In jenem Sommer erkrankten 16.900 Menschen, und 8.600 starben. Tausende Hamburger stürmten die Bahnhöfe, um die Stadt zu verlassen, andere suchten Zuflucht in Kirchen, deckten sich mit Desinfektionsmitteln ein oder betäubten sich mit Alkohol. Der berühmte Bakteriologe Robert Koch wurde zur Hilfe gerufen; er zeigte sich schockiert über die hygienischen Zustände in den engen Gassen.

Die Cholera-Epidemie von 1892 zeigte drastisch den dringenden Reformbedarf auf. Sie führte zu einem tiefgreifenden Umdenken in puncto Hygiene und zu einer Transformation der Stadtplanung. Aus diesem Grund wurde der Brunnen in Form der Göttin Hygieia errichtet, von deren Namen das Wort „Hygiene“ abgeleitet ist. Sie wurde zum Symbol der Gesundheit, und der Drache zu ihren Füßen verkörpert die Besiegung der Cholera. So wurde der Brunnen nicht nur zu einem Kunstwerk, sondern auch zu einer Erinnerung an das erlittene Leid der Menschen.

Das architektonische Konzept

Die Konstruktion des Brunnens ist dreistufig aufgebaut. Auf der Spitze befindet sich eine Bronze-Schale, aus der das Wasser in ein ringförmiges Becken darunter fließt. Von dort ergießt sich das Wasser durch Wasserspeier in das ringförmige untere Becken. Im Zentrum, über der Brunnenschale, steht die über drei Meter hohe Bronzestatue der „Hygieia“. Die Göttin thront auf einem von Schlangen gezogenen Wagen und hält eine Schale, die so geneigt ist, dass das Wasser beim Betrieb in den unteren Brunnen fließt. Zu Füßen der Göttin liegt der Drache, als Symbol für die besiegte Krankheit. Um das mittlere Becken herum sind sechs Bronzefiguren angeordnet, die verschiedene Aspekte des städtischen Lebens darstellen: ein Mann mit Schiff, eine Frau am Fenster, ein Mann mit Fisch, eine Frau mit Krug, ein Faun mit Muschel und eine Frau mit Spiegel.

Der Bildhauer ließ sich bei seiner Arbeit vom italienischen und norddeutschen Renaissancestil inspirieren und entschied sich daher für eine üppige Dekoration mit Girlanden und Akanthusblättern. Dank dieser historischen Anspielungen und seiner Pracht wurde der Brunnen zum Herzstück des Rathauses.

Besonders raffiniert ist die Tatsache, dass sich im Sockel des Beckens bogenförmige Öffnungen befinden. Dort kühlt das Wasser die Luft, die in das Rathaus strömt, und sorgt so für eine natürliche Belüftung. Mittels elektrischer Ventilatoren wird die gekühlte Luft in die Büros und Konferenzsäle geleitet, um ein gesundes Arbeitsklima zu schaffen. Auch die Abluft wird durch das System bis in den Rathausturm befördert und tritt von dort wieder durch die Öffnungen in der Turmspitze aus. Somit erfüllt der Brunnen nicht nur dekorative, sondern auch praktische technische Funktionen.

Vom Mahnmal zum Kulturerbe

Das Denkmal verschönert nicht nur den Rathausinnenhof, sondern verkörpert auch die Vorbeugung statt der Behandlung von Krankheiten. Es ist ein perfektes Symbol für jene Zeit, in der Hamburg den Kampf gegen die Cholera zugunsten von Hygienemaßnahmen aufgab. Die Cholera war eine grausame Lehrmeisterin, aber die Bürger zogen ihre Lehren daraus: Nach der Epidemie wurden die Kanalisation modernisiert, das Trinkwasser gefiltert und die Stadtplanung grundlegend überdacht. Der Brunnen wurde zum Symbol für Hoffnung und Fortschritt – ein Zeichen dafür, dass erst die Krise zu einem tiefen Verständnis für echte Reinigung führte.

Die Platzierung im Innenhof des Rathauses ist überaus gelungen: Das Wasser bildet einen reizvollen Kontrast zum architektonischen Gebäude. Heute ist er ein fester Bestandteil fast jeder Stadtführung. Er wird nicht nur als Zeugnis der Widerstandsfähigkeit gezeigt, sondern auch als Erinnerung an eine schwierige und tragische Vergangenheit. Im Sommer sorgt er für Abkühlung, und abends erfreuen sich Einheimische und Touristen an seiner wunderschönen Beleuchtung.

Der Hygieia-Brunnen ist somit weit mehr als nur ein schönes architektonisches Element, das Hamburg schmückt; er ist ein Ort, der eine tiefe Geschichte verkörpert. Er demonstriert eine wahre Transformation – von einer großen Not hin zu einem neuen Bewusstsein für Hygiene und sauberes Wasser.

Der Brunnen bewahrt die Erinnerung an eine Zeit, in der die Metropole aus ihren Fehlern lernte, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Die Figur der Hygieia mahnt uns, dass selbst in Zeiten großer Prüfungen Kunst und Menschlichkeit helfen, nicht nur Krankheiten, sondern auch die Seele zu heilen.

Verwendete Quellen:

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