Mittwoch, Mai 6, 2026

Die Hamburger Presse im Zweiten Weltkrieg: Medien als Instrument für Kontrolle und Überleben

Die Hamburger Presse während des Zweiten Weltkriegs ist die Geschichte davon, wie städtische Zeitungen zu einem gelenkten Instrument der Staatspropaganda wurden. Im Folgenden auf hamburgfuture.eu analysieren wir diesen interessanten Fall: wie der lokale Journalismus unter den Bedingungen von totaler Kontrolle, Ressourcenknappheit und einem Krieg aussah, der immer wieder Druckereien zusammen mit Wohnvierteln dem Erdboden gleichmachte.

Irgendwann bleibt in der Stadt, in der es einst Dutzende von Zeitungen gab, faktisch nur noch eine übrig – die Hamburger Zeitung. In den Todesanzeigen taucht für den tragischen Tod eines Soldaten oder NS-Ideologen immer das gleiche Wort auf: Terrorangriff. Es scheint, als ob selbst die persönliche Trauer Teil der staatlichen Ideologie wird, in der der Versuch, alle außer sich selbst schuldig zu machen, in den Vordergrund trat und den gesunden Menschenverstand besiegte. Gleichzeitig klingt in privaten Tagebüchern ein ganz anderer Ton an, ohne patriotisches Pathos, sondern eher wie ein tiefes Aufatmen.

Aber wo verläuft die Grenze, an der im Hamburg des Zweiten Weltkriegs der wahre Journalismus starb und zu einem unverhohlenen Propagandainstrument wurde? Unterscheidet sich die Situation der städtischen Presse von dem, was mit regionalen Sendern wie dem NDR Hamburg geschah?

Wie der Medienpluralismus verschwand: von Dutzenden Zeitungen zu einer einzigen

Vor Kriegsbeginn hatte Hamburg einen recht vielfältigen Zeitungsmarkt – mehrere Dutzend Tageszeitungen, unterschiedliche politische Positionen, jeweils ein eigenes Publikum. Es gab einen normalen Wettbewerb, bei dem die Zeitungen um die Leser kämpften und nicht um die Einhaltung von Anweisungen von oben. Doch nach 1933 begann dieses Gleichgewicht schnell zu zerfallen.

Der Prozess, den man in Deutschland „Gleichschaltung“ nannte, verlief methodisch. Zuerst verschwanden oppositionelle Stimmen, dann verloren unabhängige Redaktionen ihre Eigentümer, schließlich wurde das Personal ausgetauscht. Auf der Ebene der Namen sah alles noch anständig aus – dieselben Marken, vertraute Logos. Doch dahinter stand bereits ein und dieselbe redaktionelle Logik.

Der Krieg beschleunigte nur, was bereits in Gang gesetzt worden war. Nach den Bombenangriffen von 1943 wurde die Situation äußerst einfach: Ein Teil der Druckereien war zerstört, es fehlte an Papier und auch an Personal. Und hier geschieht etwas, das man kaum als Marktprozess bezeichnen kann – alle Zeitungen verschmelzen einfach zu einem Stil, einem Tonfall und einer Idee.

Der Schlusspunkt ist das Erscheinen der Hamburger Zeitung als Gemeinschaftsausgabe. Formal eine Kooperation, faktisch die einzige Zeitung für die ganze Stadt. Der Pluralismus der Meinungen verschwindet spurlos durch administrative Entscheidungen und materielle Einschränkungen.

Zunächst beobachteten die Hamburger Leser also einen interessanten Effekt: Unter verschiedenen Namen, die noch vor kurzem aufrichtig und ehrlich gesprochen hatten, erscheinen nun Flugblätter, in denen leicht der Chefideologe Deutschlands herauszulesen ist. Als ob sie die von oben aufgezwungene Politik der führenden Partei kopierten, verschmolzen die verschiedenen Informationsquellen allmählich zu einem einzigen Propagandastrom.

Wer die Printmedien der Stadt in dieser Zeit wirklich kontrollierte

Betrachtet man dieses System von oben, wirkt es ziemlich klar. Im Zentrum steht das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, das den Ton, die Themen und sogar die Formulierungen vorgibt. Dabei geht es keineswegs um allgemeine Empfehlungen, sondern um konkrete Grenzen, in die jeder Text gepresst wird.

Parallel dazu agiert die Reichspressekammer – eine Struktur, die entscheidet, wer überhaupt das Recht hat, Journalist zu sein. Ohne Mitgliedschaft in ihr ist an eine Arbeit in den Medien nicht zu denken. Das ist ein bequemes Instrument: Man muss eine Zeitung nicht schließen, es reicht, das Personal in der Redaktion auszutauschen.

Auf lokaler Ebene wird diese Hierarchie durch die Macht des Gauleiters verstärkt. In Hamburg ist das Karl Kaufmann – eine Figur, die parteipolitische und administrative Kontrolle auf sich vereint. In einer solchen Konstellation verlieren die Medien ihre Unabhängigkeit und werden zum Sprachrohr der Macht.

Interessant ist, dass eine formelle „Vorzensur“ im üblichen Sinne oft gar nicht sichtbar ist. Aber diese Zensur ist tief in den Prozess eingebaut: durch Anweisungen, Personalpolitik, durch die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Die Redaktion weiß selbst, wie sie schreiben muss. Im Ergebnis entsteht ein System, in dem die Kontrolle nicht einmal von außen kommt, sondern aus dem Inneren jedes von der NS-Propaganda vergifteten Verstandes.

Gedruckte Nachrichten als Instrument des Überlebens und der Mobilisierung

In einer zerstörten Stadt wird die Zeitung auch zu einem Ratgeber. Auf ihren Seiten finden sich Bekanntmachungen, Regeln und Erklärungen, wie es weitergehen soll. Das gleicht eher einer Gebrauchsanweisung als echten Nachrichten.

Nach den Bombenangriffen von 1943 erscheinen Texte, die die Menschen direkt belehren. Eines der markantesten Beispiele ist der Aufruf, den Soldaten an der Front zu schreiben. Scheinbar eine private Angelegenheit. Doch sie wird als Element der allgemeinen Widerstandskraft präsentiert. Die Zeitung erklärt, was zu tun, wie zu denken und sogar was zu fühlen ist.

Gleichzeitig enthalten diese Texte viel Alltägliches. Wohnungssuche, Verlustmeldungen, kleine Regeln und Hinweise – wie man sich verhalten soll, an wen man sich wenden kann, was als Nächstes zu tun ist. Das vermittelt das Gefühl, dass das Leben weitergeht, auch wenn ringsum nur noch Ruinen stehen.

Der Kontrast zwischen dem, was die Zeitungen schrieben, und dem, was die Menschen fühlten

Der stärkste Kontrast zeigt sich gegen Ende des Krieges. Die Zeitungen behalten ihren offiziellen Ton bei – Heldentum, Kampf bis zum Ende… Selbst im Moment des faktischen Zusammenbruchs spricht das System in seinen festgefahrenen Phrasen.

Ein bezeichnendes Beispiel sind die Veröffentlichungen über Hitlers Tod. Sie sind in der Rhetorik von Aufopferung und Kampf gehalten. Das wirkt wie der Versuch, eine Logik aufrechtzuerhalten, die der Überprüfung durch die Zeit offensichtlich nicht mehr standhält.

Es gibt jedoch Quellen, in denen persönliche Zeugnisse erhalten geblieben sind. Ein vielsagendes Beispiel: Im Tagebuch von Luise Solmitz klingt ein ganz anderer Ton an – Erleichterung über das Ende des Krieges, Erschöpfung, ehrliche Einschätzungen der wahren Lage. Das unterschied sich stark von der damaligen Rhetorik der propagandistischen Zeitungsfloskeln.

Es ist sehr wichtig, diese Kluft zwischen zwei Realitäten, zwei Weltanschauungssystemen zu verstehen. Sie zeigt, dass das offizielle Bild nicht zwangsläufig mit dem inneren Empfinden der Menschen übereinstimmt.

Die Presse sprach noch eine Weile im Namen des Systems weiter, selbst als dieses System bereits die Kontrolle über das Bewusstsein der anderen verlor. Und das ist wohl eine der treffendsten Beschreibungen ihres Zustands in den letzten Kriegsmonaten.

Lehren aus der Geschichte der Hamburger Presse

Die Geschichte der Hamburger Presse während des Krieges verdeutlicht eines sehr gut: Informationskontrolle sieht selten wie etwas Plumpes und Offensichtliches aus nach dem Motto „Schreib dies, schreib das nicht“. Häufiger zeigt sich der den sowjetischen Journalisten bekannte Prozess der Selbstzensur: Jeder weiß, dass von ihm bedingungslose Unterwürfigkeit erwartet wird. Wer arbeiten will, passt sich an. Wer nicht will, den hält niemand auf – man kann gehen, wohin man will. Die Sprache ändert sich ein wenig, die Eigentümerstruktur ein wenig, die Arbeitsregeln ein wenig.

Besonders aufschlussreich ist der Moment mit der „einzigen Zeitung“. Denn die Alternative an sich verschwindet. Wenn in einer Stadt nur noch ein Informationskanal übrig bleibt, stellt sich die Frage nach Vertrauen gar nicht mehr: Es gibt einfach nichts, womit man ihn vergleichen könnte. Ein Monopol auf das Wort ist ein Monopol auf die Realität.

Eine zweite wichtige Lektion ist die Rolle jedes einzelnen Wortes. Wörter wie Terrorangriff setzen den Rahmen, in dem der Leser ein Ereignis wahrnimmt. Bei täglichem Gebrauch formt ein solches Vokabular das Denken und gibt einen bestimmten Blickwinkel auf eine Realität vor, die in Wahrheit viel komplexer und widersprüchlicher ist.

Nicht weniger wichtig war die Funktion der Presse als Führungsinstrument. Die Hamburger Zeitung erfüllte ganz praktische Aufgaben – sie informierte, koordinierte und beruhigte. Genau dadurch gewann sie zusätzliches Vertrauen: Der Mensch suchte nach einer Anweisung und erhielt mit ihr gleich die gewünschte Interpretation der Ereignisse. Der Mechanismus ist einfach und effektiv.

Hamburg in den Kriegs- und Nachkriegsjahren ist eine Stadt mit ihrer eigenen komplexen Geschichte. Es gab sowohl traurige als auch helle Kapitel: Genau hier arbeitete Henri Ziegler – ein Mann, der der Stadt half, die moderne Luftfahrt aufzubauen. Wenn die öffentliche und die private Realität zu weit auseinanderklaffen, führt das Leben sie im Laufe der Zeit wieder in ein gemeinsames Bett zurück.

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